Lust am Scheitern
>> Zur Ausstellung "scheitern.ch", von Marion Benz, Basler Agenda - Basler Zeitung, 22. April 2004
Scheitern ist das Privileg des Clowns. Was aber, wenn vier junge Basler Künstler ihre erste gemeinsame Ausstellung „scheitern.ch“ nennen und an der Vernissage ein Affe wie verrückt Geschenke aufreisst, um festzustellen, dass sie leer sind? Wird hier das alte Bild des Künstlers als Gegenpol zum erfolgreichen Krawattenträger karikiert oder Kunst als clowneske Aktion verpackt? Mitnichten. „Scheitern.ch“ ist subtiler, das Scheitern, fundamentaler, als wir es wahrhaben wollten.
Was uns im Projektraum M54 als Ausstellung präsentiert wird, stellt die Wahrnehmung selbst in Frage. Ist eine Ausstellung – wie bei der Gemäldeserie von Lex Vögtli – eine Reihung von Bildern? Was bleibt, wenn sich der rote Vorhang für eine Leinwand öffnet, die nichts als ihr strahlendes Weiss präsentiert? Wie die Fliegen auf einer von Vögtlis Arbeiten bleiben wir vor der Serie kleben. Nicht mehr die von der Computerwelt kreierten Geschöpfe bringt die junge Künstlerin auf die Leinwand. Vielmehr inszeniert sie die Malerei selbst.
Schwarz-weiss ist hingegen Stephan Hauswirth’s Mystery-Park. In seiner pseudomusealen Schau stellt er eine „wissenschaftliche“ Dokumentation von paranormalen Erscheinungen zusammen.: Augenzeugenberichte, Fotos und rekonstruierte Ausserirdische. Seine vergrösserten Pixelbiler sind aber so diffus, dass es unserer Einbildung überlassen bleibt, darin Marias Erscheinung, ein Ufo oder die Tischhebung zu erkennen.
Verschlossen bleiben auch die Botschaften der Gemälde von Andreas Berde und der Objekte von Niklaus Rüegg. Beide spielen mit scheinbar Altbekanntem. Berde zitiert Bilder aus Filmen: ein Ghostrider, das Gesicht einer Frau, eine Explosion. Doch trotz der kryptischen Zeichen, die sich darüber legen, bleiben uns Story und die Figuren verschlossen. Bei Rüegg schlägt selbst das fehl. Seine Komposition von fünf trashigen Puppen aus Plastik und Tesaband, die den Schriftzug Hawaii tragen, entziehen sich jeder Assoziation.
Unten verirren wir uns noch in ein Zimmer. Socken und eine Unterhose liegen neben dem Sessel. Big-Brother-like dringen wir in die vermeintliche Privatsphäre ein. Doch bis auf die peinlich genau dokumentierte Zubereitung eines Tiefkühlhähnchens in der Glotze wirkt alles seltsam konstruiert. So wird Realität zur Daily Soap und Fiktion zur Realität. Gescheitert ist der Umgang mit der medialen Bilderflut. Oder wie Kerstin Richter in ihrer Eröffnungsrede sagte: „Nie war etwas realer als im Fernsehen.“
Marion Benz, Basler Zeitung – Basler Agenda, 22. April 2004
|