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scheitern.ch



>> - Ausstellung im M54, Basel, Text von Kerstin Richter, Kunsthistorikerin, 2004

Liebe Besucher dieser Ausstellung,
vielleicht kamen sie zufällig oder sie kennen die vier Künstler, vielleicht liessen sie sich aber auch von der Neugier leiten, angezogen vom glitzernden Titel scheitern.

Assoziationen treten auf, machen neugierig. Scheitern gleichsam als Gegenpol des gesellschaftsbeherrschenden Erfolgswahns. Wird hier nicht wieder die alte Metapher des Künstlers als Gegenbild zur bürgerlichen Existenz bedient, dem Erschaffer einer oft nur scheinbaren Gegenwelt, den es geradezu adelt nicht dazu zu gehören und der es gerade in dieser Opposition umso mehr tut.
Also sich zurücklehnen als Betrachter vor einem Konflikt, der nicht der eigene ist?

Doch halt, da steht noch ein.ch und da wird es schon konkreter. Eigene Erfahrungen werden wach von erfolglosen Versuchen oder nur minderer Begabung mit der Welt der neuen Medien mitzuhalten, sie womöglich zu beherrschen, die Agensfunktion nicht ganz abzugeben oder doch wenigstens zu begreifen, was da passiert. Das wir selbst und das nicht erst seit Computer und Internet Objekte des Systems sind, nicht agierend sondern erfahrend ist eine Binsenweisheit, die noch immer gelegentlich als Menetekel an Diskussionsflipcharts projiziert wird.
Die Arbeiten der vier Kunstschaffenden nehmen den zugeworfenen Medienball auf, nutzen ihn oder spielen damit und zeigen damit Optionen und Grenzen, eben das Scheitern der Erwartungen innert dieser medienorientierten Welt auf.

Scheinbar Offensichtliches ist auf den grossformatigen Bildern von Andreas Berde zu sehen – alles scheint klar zu sein, ein Portrait, eine Explosion, eine Kugel unter Glas, ein Motorradfahrer und doch lassen sie sich nicht einordnen. Es bleibt die Frage bestehen nach dem, was hier wirklich passiert. Versuche das Dargestellte mit eigenen Erfahrungen, mit Alltäglichem zu verbinden scheitern, ist es doch hochgradig inszeniert und erlaubt maximal noch Assoziationen an reale Erfahrungen. Wir glauben die Bilder einordnen zu können in ein System von Superzeichen und doch entziehen sie sich mit ihrer Intransparenz einer Analyse. Störende Faktoren treten auf, wie die Leuchtpunkte am Kopf der Frau oder der Vektor der Bewegung des Fahrers.
Dem Betrachter fehlen die Kenntnisse dieses inszenierten Kunstsystems. Als Einzelstandbilder aus Filmen generiert, sagen sie nichts aus über ihre Geschichte, ihre Ursachen. Sie lassen sich nicht zusammenfügen. Bei aller Offensichtlichkeit verbleiben die Bilder im Zeichenhaften, lassen sich nicht darüber hinaus decodieren, genau wie die bildhafte Schrift, die sich wie eine Netzhaut über sie spannt. Trotz ihrer ganzheitlichen Lesbarkeit, die sich leicht mit dem Dekodierbuch entschlüsseln lässt, bringt sie keine zusätzliche Klarheit.
So wie die Bilder aus den künstlichen Welten der Science Fiktion Filme Matrix und Minority Report Betrachter durch Ähnlichkeiten mit der Gegenwart assoziieren lassen, so richten sich die Marsmenschen scheinbar mehrheitlich nach dem menschlichen Bauplan und weichen nur in Details davon ab. Sie wurden von Stephan Hauswirth wirklichkeitsgetreu nach den nachlesbaren Augenzeugenberichten wiedergegeben. Diese Strukturfortschreibung, die gleichermassen für Science Fiktion Filme, wie auch Materialisationsphänomene anderer Zivilisationen gilt, ist eine altbewährte Methode mit Zukunft umzugehen. Ausgehend davon, dass gleiche Komponenten in gleichen Relationen anzutreffen sind, können wir schnell und ganzheitlich im Alltag handeln. Zukunft oder auch andere Welten als Fortschreibung der Gegenwart.
Stephan Hauswirth beschäftigen paranormale Erscheinungen und ihre vermeintliche Dokumentation. In einer Art pseudomusealem Mysteriepark werden dem Betrachter die Zeugnisse von Materialisationsphänomenen aller Art in historischer Abfolge präsentiert.

Doch die sogenannten Beweise funktionieren ausschliesslich auf der Ebene der Imagination. Unscharfe Schatten werden zu imaginierter Realität und damit Wahrheit für die einen. Sie unterstützt ihre einmal aufgestellte Hypothese hinter der sich dogmatisch verschanzen lässt, die auch eine Welterklärung aus einem Guss anbietet. Je unschärfer das Bild, desto mehr Imagination wird hervorgerufen, desto grösser der Glaubensanteil. Damit werden die Bilder, die Beweise unangreifbar und nicht mehr diskutierbar. Der vermeintliche Wahrheitsgehalt dieser medialen Informationen wird zu einer Frage der inneren Einstellung und diese ist kaum mehr ins Wanken zu bringen, vermittelt die reduzierte Hypothese doch Sicherheit und scheinbare Gewalt über die Dinge. Die wahre Genese dieser Pseudobeweise ist also völlig unwichtig und kann noch so absurd sein, wichtig ist nur, dass sie zur hypothesengerechten Informationsauswahl genutzt werden. Alle anderen Informationen werden dabei in der Regel nicht zur Kenntnis genommen. Stephan Hauswirth zeigt mit einer kräftigen Portion Ironie genau diese Prozesse auf und präsentiert sie dem Betrachter in einer Art neuzeitlichem wissenschaftlichen Museum.

„Ausstellung“ so auch der Titel der Installation von Lex Vögtli. Bilder in bunter Vielfalt lassen kein ordnendes Konzept erkennen. Sie stehen für sich von keiner temperierten Hängung manipuliert, treten dem Betrachter bisweilen hemdsärmlig entgegen, in den Raum hinaus, lässig gegen die Wand gelehnt. Wie Köder ausgelegt, machen sie neugierig: was kann Malerei? Ist ein Bild in erster Linie Gegenstand oder Illusionsfläche? Weltverkleidend, kaschierend zeigen einige Objekte diese Doppelnatur auf und auch das ständige Spiel von Bild und Rahmen ist fast allen Objekten immanent. So öffnet sich der Vorhang im Bild „Faltenwurf“ einer Leere. Die Leinwand dahinter verweist nur auf sich selbst. Doch bleibt es nicht dabei, auch die Vielfalt der Darstellungen und der angewandten Bildsprachen fordert heraus, eine Message zu suchen. Ist all das nur Konzept, die Bilder Mittel zum Zweck in der Auseinandersetzung mit der Tradition der Malerei und ihrer Präsentation, gleich ironischen Zitaten oder steht die Autorin bei aller Divergenz doch hinter den Bildern, darin Neues schaffend? Wie steht es angesichts der Fülle um die Autorenschaft? In dieser Unsicherheit bleibt der Betrachter vor den Bildern, vor den unterschiedlichen Rollen, die hier gespielt werden. Einer klaren Einordnung entzieht sich die Installation.

Nicht zuordnen, sortieren und in eine inhaltliche Interpretierbarkeit überführen lassen sich auch die Objekte von Niclaus Rüegg. Jeder diesbezügliche Versuch scheitert, wird unvermeidlich ins Leere laufen und doch wird der Betrachter als erstes auf diese falsche Fährte gesetzt mit Schriftzeichen, wie Hawaii oder durch die ironisierenden Titel. Doch was hält die Objekte dennoch zusammen? Losgelöst von inhaltlichen Auseinandersetzungen und semantischen Bezügen treten die formalen Ordnungen an erste Stelle. Klare geometrische Formen können so mit Störfaktoren wie Krokodilen eine Symbiose eingehen, ausgefeilte Formen Trash gegenüberstehen. Insbesondere die Sockel, Träger mutieren zum eigentlichen Gegenstand der Präsentation und selbst die Dargestellten, die Figuren auf dem Sockel, sind wiederum Tragende und in dieser Funktion erst von Interesse. Die Botschaft, die sie portieren ist hingegen völlig unrelevant. In ähnlicher Umkehrung prangt das dauerhafte Ende über einer Aktion, die vielleicht noch gar nicht stattgefunden hat, überholt sie gewissermassen und hintergeht so die Erwartungshaltung des Betrachters.

Trotz des plakativen Endes hat auch die Ausstellung scheitern.ch noch eine Fortsetzung. Im Untergeschoss erwartet sie in einer Installation von Andreas Berde wieder die Realität des privaten und damit immer leicht peinlichen Alltags, als Küchensoap medial gespiegelt. Schockierend und banal zugleich, weckt sie Bezüge von Big Brother bis zu den grassierenden Kochsendungen des Fernsehens. Den grössten Grad an Realität erreicht dabei das medial vermittelte Bild, während die Assamblage der realen Gegenstände seltsam papieren wirkt. Die reale Welt wird sozusagen mit ihren eigenen Waffen geschlagen. Nie war etwas realer als im Fernsehen.



Kerstin Richter
Kunsthistorikerin 


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